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Früher waren die Juden verdächtig, heute die Muslime


Guantánamo ist ein Schandfleck für die USA, wie es die Justizaffäre Dreyfus für Frankreich war: Louis Begley betrachtet die Gegenwart mit den Augen des Historikers.

So schnell wollte wohl selten ein gewählter Präsident ein Wahlversprechen einlösen: Kurz nach seiner Amtseinführung setzte der amerikanische Präsident Obama sämtliche Verfahren vor Militärtribunalen gegen Häftlinge von Guantánamo aus; zugleich kündigte er an, das Gefangenenlager innerhalb eines Jahres zu schliessen. (Wie schwierig die Umsetzung dieses Vorhabens ist, zeigt sich gegenwärtig, wenn es darum geht, Guantánamo-Insassen anderswo unterzubringen.) In der amerikanischen Exklave auf Kuba wurden Hunderte mutmasslicher Terroristen jahrelang ohne Urteil, ja ohne Anklage und ohne Rechtsbeistand festgehalten; sie befanden sich in einem juristischen Vakuum; ihre Haftbedingungen grenzten an Folter und überschritten diese Grenze.

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Die neuen Vorurteile

«Why the Dreyfus Affair Matters» heisst Begleys Buch im englischen Original. Warum also geht die alte Geschichte uns an? Wegen der zahlreichen Analogien und Parallelen. Einschliesslich dieser: Was der Antisemitismus im damaligen Frankreich war, seien Vorurteile gegen Muslime im heutigen Amerika. Ohne die seien die skandalösen Verstösse gegen grundlegende Rechtsgrundsätze nicht zustande gekommen. Und auch die Helden der Dreyfus-Affäre haben ihre Entsprechung in der Gegenwart. Es sind Journalisten, die den Machtmissbrauch der Bush-Regierung offenlegten; Bundesrichter, die den Rechtsstaat gegen seine Verdreher verteidigten und auf ihre Zuständigkeit auch für die exterritorial geparkten Häftlinge beharrten; Militäranwälte, die gegen ungesetzliche Verhörmethoden protestierten. Auch sie brauchten Mut, sich für unbekannte Menschen und abstrakte Prinzipien einzusetzen, gegen sehr konkrete Mächte und Meinungsströme. «Sie», bilanziert Begley pathetisch, «retten die Ehre der Nation.»

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