“Ohne den Staat würde der Kapitalismus kollabieren“

Veröffentlicht: 25. Dezember 2009 von fareus in Kapitalismus
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Nobelpreisträger Edmund Phelps über perverse Banken, populistische Krisenpolitik und die „vergessene Kunst“ der alten Handelsbanken.

Edmund Phelps, 76, ist erschöpft. Er kämpft mit dem Jetlag an diesem kalten Winterabend. Der Wirtschaftsprofessor der Columbia University in New York, der für seine Beschäftigung mit dem Phänomen der Arbeitslosigkeit 2006 den Nobelpreis bekam, ist ein gefragter Mann. Gemeinsam mit seiner Frau Viviana eilt er von Konferenz zu Konferenz. Die Krise hat auch die Überzeugungen des großen US-Ökonomen ins Wanken gebracht, der Kritikern oft als marktradikal galt.

SZ: Herr Phelps, mal ehrlich: Haben Sie die Finanzkrise kommen sehen?

Phelps: Ich habe schon erkannt, dass die amerikanische Wirtschaft zu stark auf das Wachstum im Immobiliensektor vertraut hat. Aber wie das alles zusammenhängt, habe ich nicht gesehen. Die Banken waren so besessen davon, den Amerikanern Häuser zu finanzieren, dass sie zu viel Geld verliehen haben und verletzlich waren, als die Immobilienpreise kollabierten. Mir war auch nicht bewusst, wie sehr viele Unternehmen nur noch auf kurzfristige Gewinne aus sind. Das ist schlimm.

[…]

SZ: Gerade haben Sie noch staatliche Eingriffe befürwortet, jetzt reden Sie dem Markt das Wort.

Phelps: Ich bin kein Marktradikaler. Ich liebe den Kapitalismus nicht, weil er null Steuern bedeutet und null Staat. Tatsächlich würde der Kapitalismus sogar kollabieren ohne den Staat. Aber ich hasse es, diese fadenscheinigen Argumente zu hören, warum der öffentliche Sektor größer werden muss. John Maynard Keynes übrigens empfahl der Regierung nicht nur, Arbeiter in der Krise Löcher buddeln zu lassen, er riet auch, sie danach wieder aufzufüllen. Vielleicht dachte er ja, dass die Löcher eine schlechte Idee sind. Denn was auch immer eine Regierung macht, es hat unangenehme Nebenwirkungen. Deshalb könnte es vielleicht gut sein, wenn die Politiker hinterher versuchen, ihre Spuren zu verwischen.

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