Wieso verklagt die Türkei die EU nicht?

Veröffentlicht: 8. Januar 2010 von fareus in Türkei
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Unter dem Titel, „Die Türkei aus Europa heraus halten“ veröffentlichte die englische „Guardian“ einen Artikel des Brüsseler Journalisten David Cronin von der „Inter Press Service news agency“.

Als ich den Artikel las, kam bei mir schlagartig der Gedanke hoch, wieso die türkische Regierung nicht die senil wirkende Europäische Gemeinschaft verklagt, besser, ihr den Rücken kehrt? Die EU braucht frisches Blut, neue Märkte. Sie muss sich weiter aufblähen, damit sie wächst und gedeiht. Sie kann sich nicht abschotten, ohne dabei zu riskieren, dass ihre eigene Ordnung und der Wohlstand in Gefahr gerät. Schon jetzt sehen wir doch, wie schnell sich die Machtverhältnisse verschoben haben. Europa, ist nicht mehr der Global-Player, den sie mal einst markierte. China, Indien und ja sogar Brasilien spielen eine immer größere Rolle in der Welt. Die EU kann nur noch agieren, sie gibt nichts mehr vor, sie kann nichts mehr bewirken, sie hat nichts mehr bewirkt, weder im Balkan, im Irak, noch in Afghanistan.

Die Türkei hat das Potential mit ihrer jungen Bevölkerung das fortzuführen, was ihr im Schatten der EU bisher nicht gelungen ist. Die Balance die sie bisher mit ihren Nachbarn zu erhalten versucht hat, die Früchte erntet sie bereits jetzt. Mit Syrien ist man heute eng liiert. Mit dem Irak versucht man sich zu einigen, mit der Kaukasusregion herrscht seit langem eine historische Verbundenheit und mit Russland hat man sich bisher auch gut verstanden. Ihr stehen die Möglichkeiten, die die EU nur ungenügend hat. Die EU hat es sich mit allen verscherzt. Sie betrachtet diese Länder nicht als gleichwertig. Sie hat auf diese Länder immer von oben herab geschaut. Die Türkei nicht. Und jetzt hat die Türkei etwas in der Hand, mit der sie mehr erreichen könnte, als ihr bewusst ist. Sie könnte sich aber auch teuer verkaufen, sehr teuer.

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Kommentare
  1. Christian sagt:

    Das ist aber arg einseitig geschrieben.

    Die Türkei hat Beitrittskritierien zu erfüllen, wie jeder andere beitrittswillige Staat auch. Diese Beitrittskritierien sind in sogenannten Katalogen niedergelegt.

    In einigen Katalogen hat die Türkei schon nahezu alle Bedingungen erfüllt, in anderen fehlen viele Dinge noch. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellt sich ein Beitritt der Türkei zur EU aufgrund der noch nicht erfüllten Beitrittskriterien daher noch gar nicht.

    Zudem ist gerade erst der Vertrag von Lissabon in Kraft getreten, und man muss jetzt einmal testen, wie dieser sich bewährt, bevor man an eine weitere Expansion denkt.

    Die türkische Gesellschaft ist zudem momentan zwar durchschnittlich jünger, als der Durchschnitt in Europa, ist aber auch mit zurückgehenden Geburtenraten konfrontiert, die momentan ein Niveau erreicht haben, die allenfalls eine Erhaltung des Status-Quo der Bevölkerungsgröße erwarten läßt. So jung wie sie heute ist, so ähnlich alt wie die EU wird die türkische Gesellschaft in 25 Jahren sein.

    Wichtiger als eine Ausdehnung um ihrer selbst willen ist eine nachhaltige Entwicklung. Und da sehe ich die Türkei als Partner und wenn die Beitrittskriterien erfüllt sind auch als gleichberechtigtes Mitglied in der EU in 10 Jahren und weniger als neue Führungsmacht oder was sich der Autor in der Turkishpress in seinen feuchten Träumen nachts sonst noch so ausmalt.

  2. Das ist nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht ganz richtig.

    Die Gründe für ein EU-Interesse an der Türkei liegen in der hier beschriebenen Richtung. Aber so schwach und abgehängt, wie der Text meint, ist die EU wirtschaftlich und politisch noch lange nicht. Die Türkei ist nach wie vor ein ökonomischer Zwerg, verglichen mit der EU oder einem Powerland wie Deutschland. Die Türkei BRAUCHT den europäischen Markt, und sie braucht ihn um so mehr, als der arabisch-iranische Markt vergleichsweise schwach ist.

    Die Entwicklung wird aber vermutlich durchaus in die Richtung gehen, die der Artikel beschwört, und es ist ganz im Interesse der Türkei, wenn sie sich nicht nur nach Europa hin orientiert, sondern auch die Nahostkarte und die chinesische Karte zusätzlich zu spielen lernt.

    Es klingt paradox, ist es aber nicht: Je erfolgreicher die Türkei sich als „orientalische“ Kraft etabliert, desto größer wird die Bereitschaft zumindest der strategisch denkenden Eliten bei uns, ihr einen Beitritt zur EU zu gewähren. Es ist mein Eindruck, dass die AKP-Regierung das Spiel strategisch so anlegt. Hoffentlich gelingt es. Der immer mehr grassierende Rechtspopulismus könnte da einen Strich durch die Rechnung machen und die EU-Staaten dazu verleiten, sich ins eigene Knie zu schießen.

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