Wie man den Rassismus bekämpft

Veröffentlicht: 14. Februar 2010 von fareus in Rassismus
Schlagwörter:, ,

The White Man’s Burden,
oder: Die Anatomie des deutschen
Neokonservativismus,
und: Wie man den Rassismus bekämpft.

(ein Stück von Rantanplan)

Vorüberlegung

Sekten gibt es viele. Die Weltordnung des 21.Jahrhunderts mit ihren Verwerfungen, widersprüchlichen Identitätsangeboten, fragilen Sozialisations- und Wertemustern verlangt dem bürgerlichen Individuum schon einiges ab: Ständige Neuorientierung, Differenzierungsvermögen, kognitive und emotionale Flexibilität, Behauptungsanstrengungen inmitten des Prozesses der Veränderung.
Eine solche Existenzweise ist auf die Dauer aufreibend und ermüdend, erfordert geistige Beweglichkeit und tendenziell die ständige „Neuerfindung“ der eigenen Person.
Es ist allgemein bekannt, dass eine große Zahl von Menschen den Zumutungen der spezifischen modernen bürgerlichen Lebensweise auf Dauer nicht gewachsen sind und nach Auswegen suchen: Einem Orientierungs- und Ordnungsrahmen, der ihrem persönlichen Leben Struktur und Halt gibt, Sinnangebote vermittelt und die Welt in einen eindeutigen, möglichst eindimensionalen Interpretationsrahmen stellt. Eine Sekte eben.

Ja, Sekten gibt es viele: Esoterische Vereinigungen, Ufologen, islamische Konvertiten, zungenredende Pfingstler, Weltuntergangsapostel, Klimaskeptiker, Verschwörungstheoretiker, Anhänger der IV. Internationale (Bolschewiki), Anthroposophen, Scientologen, Familienaufsteller, Katholiken, Anhänger des HSV etc….

Gemeinsam sind ihnen vier Dinge:

1. Das faustische Bedürfnis der Sekten, die Welt „aus einem Punkt zu kurieren“. Das Muster ihrer Weltbetrachtung läuft immer darauf hinaus, zwischen „uns“ (den Wissenden) und „ihnen“ (den Verblendeten) einen klaren Trennungsstrich zu ziehen. Sieg der Guten – oder Weltuntergang. Keine Kompromisse – zwischen dem Herrgott und den Anhängern Satans ist definitiv kein Dialog möglich.

2. Die Selbstreferentialität. Die Anhänger einer Sekte kommunizieren wesentlich mit sich selbst. Außerhalb der Sekte lauert der Feind. Es braucht also sektenspezifische Kommunikations- und Sprachmuster, die der Selbstverständigung dienen und kommunikative Sperrzäune gegenüber der Außenwelt aufbauen. Die Kommunikation mit der Außenwelt ist – wenn überhaupt- „one-way“ – man sendet amorphe, propagandistische Signale hinaus in die Welt, ohne auf eine Antwort aus dem Außenraum gesteigerten Wert zu legen.

3. Die selektive Wahrnehmung. Der Sektenanhänger beschäftigt sich durchaus mit der Welt – er will sie ja retten. Er ist allerdings vorrangig damit beschäftigt, die vielfältigen Erscheinungsformen unserer schönen Erde und ihrer Menschen seinem eigenen Weltverständnis zu unterwerfen – dies führt, wie wir alle wissen, zu tendenziell grotesken Ergebnissen. Die Fähigkeit, die vielfältigen irritierenden Tatsachen, die seinem
Weltverständnis widersprechen, auszublenden, ist beim gewöhnlichen Anhänger einer Sekte hoch entwickelt.

4. Die Rigorosität. Der Sektenanhänger ist immer im Dienst; er stellt seine Kraft, seine intellektuelle Kapazität, seinen Körper, seine prekäre Privatheit in den Dienst der Sache. Man kann mit ihm nicht über Fußball reden. Der Gestus der Verkündigung bestimmt seinen Sprach- und Schreibstil – er spricht und schreibt immer ex cathedra. Er vermag sich riesig über kleine, billige Siege zu freuen. Den „Feind“ belegt er mit sämtlichen negativen Attributen, die seinem Sprachapparat zur Verfügung stehen (Dem restringierten Sprachcode einiger Sektierer genügen allerdings nur wenige Begriffe: man beschränkt sich dort häufig auf „Arschloch“, „Depp“ und „Wichser“.) Einen selbstreflexiven und humorvollen Sektierer hat man noch nie gesehen. Humor ist für ihn – wenn überhaupt – praktikabel nur als schmallippiger, säurehaltiger, vergifteter Sarkasmus.

Die bundesdeutsche neokonservative, islamophobe publizistische Kohorte als Sekte zu charakterisieren mag zunächst verwundern: Gibt es doch keinen anerkannten Guru in ihren Reihen, keine heilige Schrift gibt Orientierung, ein Organisationsstatut ist nicht bekannt und viele ihrer Mitstreiter sind einander in herzlicher Feindschaft verbunden.
Die sektiererische Gemeinsamkeit wird hier über ihr übereinstimmendes Weltbild konstituiert – ein Weltbild, das stark durch die US-amerikanischen Neocons bestimmt wird, allerdings auch einige sehr deutsche Spezifika enthält:

Gemeinsam ist: Der Glaube an die Überlegenheit der westlichen Zivilisation gegenüber allen anderen „vorzivilisatorischen“ Kulturen; die Propagierung der Unausweichlichkeit eines langwierigen militärischen Kampfs gegen den Islamofaschismus; die Denunziation der muslimischen Religion und aller ihrer Anhänger als Gefahr für Frieden und Freiheit der „westlichen Welt“; die umstandslose Unterstützung der Politik Israels; die Denunziation sämtlicher Kritik an der gegenwärtigen Weltordnung als antisemitisch – der gewöhnliche deutsche Neocon lässt es sich im Übrigen nicht nehmen, die muslimische Wohnbevölkerung Deutschlands pauschal als 5. Kolonne des geheimen Welteroberungsprogramm der islamischen Umma zu charakterisieren.
Aktuell einigt die neokonservative Gemeinde die gemeinsame propagandistische Bemühung, dem iranischen Atomprogramm den Status einer Weltbedrohung zuzuweisen und Stimmung für einen „vernichtenden Militärschlag“ gegen den Iran zu machen.

weiterlesen bei Steinbergrecherche [PDF-Datei]

Dank an bigberta.

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Kommentare
  1. Wenn du solche Texte entdeckst und hier bringst, machst du mir immer eine Freude. Andere schauen sich lieber Bilder und Filmchen an – ich bin halt ein alter Leser. Und diese Sekten-Definition ist hilfreich.

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