Dersimiz Atatürk

Veröffentlicht: 11. April 2010 von fareus in KINO
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In den Kinos läuft der Film „Dersimiz Atatürk“ (Unser Lehrstoff ist Atatürk)

Fareus war heute mit seiner Familie im Film und kann es nur weiterempfehlen.

Hier zwei Trailer:

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Kommentare
  1. So wie ich die Türkei kenne und wie es mir die Trailer-Bilder vorführen (den gesprochenen Text hab ich nicht gut genug verstanden, mein Türkisch ist schwach) – handelt es sich um eine neuere Version der Heldenverehrung.

    Ich kann nicht anders, aber Helden muss man zu MENSCHEN machen, und darum muss man sie demaskieren, aufs menschliche Maß zurückzwingen und ihre Schatten, ihre böse Seite einbeziehen. Mustafa Kemal Atatürk war ein bedeutender Mensch, aber eben auch jemand, der Verbrechen zu verantworten und allerlei Unsinn verbreitet hat (die Theorie von Türkisch als der Sonnensprache und auch sonst allerlei Schmarrn über die vor-osmanischen Türken, zum Beispiel).

    Ich weiß, mit vielen Türken kann man über so etwas nicht frei reden. Sie sind schnell verletzt, wenn ich mich weigere, die kritiklose Verherrlichung, die Vergöttlichung von Atatürk mitzumachen. Ich jedenfalls kann nur einen MENSCHEN achten, nicht einen zum Halbgott aufgeblasenen Helden.

    Schade, dass ich mir den Film nicht anschauen kann – jedenfalls so lange nicht, bis er deutsche Untertitel bekommt. Vielleicht ist er ja doch nicht so einseitig, wie ich befürchte. Aber wenn er es ist, sollte man besser auf deutsche Untertitel verzichten, denn die blanke Heldenverehrung wirkt auf uns eher als etwas Perverses.

    Ist es immer noch eine Straftat in der Türkei, Atatürk offen zu kritisieren und auf seine politischen Fehler und kriminellen Handlungen (bzw. Unterlassungen) hinzuweisen? Ich nehme es mal an.

    Ich würde mir wünschen, die AKP könnte mit dieser Heldenverehrung brechen – wenn sie es auch aus anderen Motiven tun würde als ich. Schließlich war Atatürk ein erklärter Atheist und offener Verächter des Islam.

    • fareus sagt:

      Der Film ist mit deutschen Untertiteln (OMU).

      Sicherlich hat er auch Fehler gemacht, denn er war auch nur ein Mensch, aber die Taten für das junge Volk der Türken sind unbezahlbar.
      Die Alternative dazu wäre die Spaltung des Landes durch die Siegermächte.

      Das die AKP ihn nicht mag, macht ihn für mich sympatischer, denn er steht für eine moderne und aufgeschlossene Türkei.

      Die Türkei ist eine Brücke zwischen Europa und den arabischen Ländern, sie hat ihre Funktion gefunden.

  2. Weder ich noch die AKP bestreiten die Verdienste Atatürks um die Staatsgründung und im Kampf gegen die imperialen Mächte. Auch muss man anerkennen, dass das, was Atatürk danach der Türkei an Modernität aufgezwungen hat, die Türkei vorwärts gebracht hat. Das sehe ich vielleicht deutlicher als die AKP.

    Die Probleme liegen hier:
    Erstens hat sich der Kemalismus nicht hinreichend weiterentwickelt – er ist heute ein Hindernis bei der weiteren Modernisierung der Türkei.
    Zweitens ist es notwendig, die Schattenseiten genauso in den Blick zu bekommen wie die Leistungen: die Fehler, die Dummheiten, die Verbrechen müssen offen ans Licht kommen und Gegenstand des öffentlichen Diskurses werden.
    Hier versagt die Türkei – vorerst. „Vaterautorität“ ist nach wie vor „heilig“ – ganz anders als in Deutschland.

    Was kommt ZUERST – der Vater oder die Wahrheit? – Vor jeder Verehrung MUSS die Wahrheit kommen. Und die ist immer unbequem für diejenigen, die verehren wollen und die, die verehrt werden wollen. Aber erst wenn man sich die Fehler, Dummheiten und Gemeinheiten (und eventuell Verbrechen) des „Vaters der Türken“ klar vor Augen geführt hat, kann man ehrlicherweise sagen: Er war – trotz alledem – der größte Mann unserer Geschichte.

    (Ich sehe, als Deutscher, Bismarck in diesem Licht. Ich begegne Bismarck voller Hochachtung – trotz all der negativen Dinge, die ich über ihn weiß, trotz der folgenreichen Fehler in seiner Konstruktion des Deutschen Reiches, obwohl er ein Konservativer war und ich ein Linker bin.)

  3. Fehler: Insgesamt war die Behandlung des Kurdenproblems ein schwerwiegender Fehler, der bis heute nachwirkt.
    Dummheiten: Die Sonnentheorie der Sprache, zum Beispiel. Die Mystifizierung des Türkentums in der Geschichte. Das Saufen.
    Gemeinheiten, Verbrechen: Der Justizmord an Mehmet Cavit 1926 – nicht der einzige Justizmord. Das Dersim-Massaker an der Zivilbevölkerung 1937. Den Schlächter von Smyrna nicht vors Gericht gestellt zu haben.

    Insgesamt halte ich die Atatürk-Bilanz für ausgesprochen positiv. Atatürk gehört für mich zu den konstruktiven Genies der Politik des 20. Jahrhunderts – er unterscheidet sich da sehr günstig von Hitler, Stalin oder Mao.

    Mich ärgert der heutige destruktive verknöcherte geistlose Kemalismus, der, statt das Modernisierungsprojekt weiterzuentwickeln und den heutigen Gegebenheiten anzupassen, hauptsächlich autoritär und volksverachtend die Macht der kemalistischen Elite verteidigt. Erdogan steht dem Beispiel von Atatürk näher als Deniz Baykal, die (meisten) Verfassungsrichter oder die Generäle.

    Was kein Grund für mich ist, Erdogan und der AKP zu trauen. Das Pendel wird zu weit in die religiöse Richtung schwingen. Um so wichtiger wäre es, die Säkularen in der Türkei würden ihren steril gewordenen Kemalismus den Anforderungen der heutigen Türkei anpassen und ein Programm entwickeln, in der gläubige Muslime und nationale und religiöse Minderheiten nicht als potentielle Staatsfeinde einfach immer nur verdächtigt und ausgegrenzt werden.

    Beide Seiten – Säkulare und Religiöse – müssen die Fähigkeit entwickeln, miteinander leben und kooperieren zu können. Dafür hat Atatürk kein Modell geliefert. Leider. (Woraus ich ihm keinen Vorwurf mache. Die Zeiten und Notwendigkeiten waren anders.)

    Für mein Urteil über die Türkei bietet Orhan Pamuk die beste Orientierung. Mein Lieblingstürke …

    • fareus sagt:

      Alles was du geschrieben hast ist auch meine Meinung.

      Ich begrüße die Entmilitarisierung der Türkei, die AKP liefert eine gute Arbeit ab.
      Ich bin aber gegen eine Islamisierung des Landes. Die Eliten der Türkei sind in der Mehrheit auch Kemalisten.
      Die haben es aber auch versäumt das Volk nicht nur auf Linientreue zu drillen, sondern auch zu bilden und ihnen damit bessere Lebensbedingungen zu gewährleisten.

      So konnte Herr Erdgogan mit Kohle für den Winter und Waschmaschinen, Kühlschränken seine Wählerstimmen
      kaufen.

      Für mich ist es auch wichtig einen Mittelweg zu finden, auf dem langfristig die ganze türkische Bevölkerung davon profitiert und nicht nur die Kemalisten oder die Fundamentalisten.

      In den Großstädten, auch unter den Akademikern regt zaghafte Kritik gegen die Heroisierung von Mustafa Kemal Atatürk.

      Er hat sicherlich Fehler gemacht und die muss man öffentlich ansprechen dürfen, ohne gleich als Vaterlandsverräter abgestraft zu werden.

      Das ist ein Ziel der Demokratisierung in der Türkei, ich freu mich drauf.

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